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Foto: Ein Mädchen arbeitet mit dem Lötkolben an einer Platine

Mit Fingerspitzengefühl am Lötgerät | Foto: URKERN / Ivana Bilz (CC BY)

 

Thema
Kultur
Redakteur | In
Jonas G.
Veröffentlicht
16.03.2020

Kein Platz für Kriminelle - Das JUGEND HACKT in München

Junge Männer in schwarzen Kapuzenjacken, dunkle Hinterzimmer, grüne und rote Blinklichter und wirre Zeichen, die über 6 Bildschirme herunterlaufen. So haben Hollywood und die Medien die Hackerszene geprägt: Versteckt. Nerdy. Kriminell. Zu Unrecht. Denn Hacker sind erstmal keine bösen Menschen. Vielmehr versuchen sie, die Welt mit Code zu verbessern.

 

Zum ersten Mal gab es nun das JUGEND HACKT in München: 50 Jugendliche aus ganz Deutschland trafen sich, um ein Wochenende lang zu coden bis die Tastaturen glühen.
Ich war auch mit dabei, und es sind einige interessante Projekte entstanden.

 

Das JUGEND HACKT ist ein Hackathon für Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. Bereits 2013 gab es das erste Event in Berlin mit 60 Plätzen. Die waren damals schon zu wenig. Es hatten sich dort mehr Leute angemeldet, als Kapazitäten da waren. Heute sind es um die 140. Das ist mal eine Zahl! Und jetzt kam neben 13 weiteren Standorten in ganz Deutschland und auch Österreich und der Schweiz noch München dazu - der erste Hackathon in ganz Bayern!

Mitbringen muss man in erster Linie eins: Begeisterung für Technik und Bock, Projekte aufzustellen. Denn viele der Jugendlichen haben wenig bis kaum Erfahrung mit Programmieren. Dafür sind dann die Mentoren und schon erfahrenere JUGEND HACKTler mit dabei, denn die ziehen die anderen einfach mit und bringen ihnen eine Menge an neuem Wissen bei.
So war das auch für Turmalin: „Ich bin da ganz ohne [Programmiererfahrung] reingegangen. […] Aber ich wurde von der ersten Sekunde an mit offen Armen aufgenommen und hab echt viel über Python (eine Programmiersprache) gelernt.“

 

Wie kann man sich so einen Hackthon vorstellen? Ist das in irgendeinem Keller, wo überall Bildschirme hängen? Hocken dann alle nur vor ihren Laptops und schweigen sich an?
Gibt es eine digitale Sprechanlage in jedem Zimmer, die eine verrückte Meldung von sich gibt, wenn es an der Türe klingelt?
Nun gut, das mit dem Meldesystem stimmt. Aber der Rest ist ein von Vielen falsch gedachtes Bild. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich um eine x-beliebige Aktion einer Jugendorganisation. Es wird sich unterhalten, man lernt sich kennen, spricht über das versagte Medienkonzept mebis (das ist aber wieder ein ganz anderes Thema) und freut sich auf eine schöne gemeinsame Zeit.

Foto: URKERN/Ivana Bilz (CC BY)

Kein dunkler Keller, eher ein gemütliches Startup Büro.

Foto: URKERN/ Ivana Bilz (CC BY)

 

Am Freitag um 17 Uhr ging es im Werk 3 am Ostbahnhof los. Die Ersten hockten schon mit ihren Laptops vor der Leinwand und schrieben noch die letzten Codezeilen zu ihren eigenen Projekten, und schon ging es los. Es wurde begrüßt, bedankt und vorgestellt, was denn jetzt das Thema ist: Mit „Code and Culture“ wurde der Jugend-Hackathon in München gestartet.

Die Organisatoren hatten sich die Wochen zuvor dafür eingesetzt, von vielen Museen und Institutionen verschiedene Datensätze (die meist privat gehalten werden) zu sammeln und sie für die Teilnehmer öffentlich und kostenlos zur Verfügung zu stellen. Viele wollen die nicht rausrücken, denn sie wollen natürlich, dass die Menschen ihre (kostenpflichtigen und meist langweiligen) Führungen besuchen oder Eintritt zahlen. Das, obwohl es sich teilweise um Kulturgut handelt. Jetzt aber können damit neue, kreative Ideen wachsen und die Kultur wieder mit frischem Wind erweckt werden! Unter diesen Datensätzen waren zum Beispiel Kartenwerke der Eisenbahn aus dem 19. Jahrhundert oder Aufzeichnungen aus den 1920ern über Schäden durch Luftangriffe. Die Mädchen und Jungen hatten also eine weitere Bandbreite an Informationen und Daten, mit denen sie basteln konnten.

 

Davor muss man aber mit einem Klischee aufräumen. Es waren nicht nur Jungs dabei! Ich selbst war in meiner Gruppe der einzige Junge unter 5 Mädchen. Insgesamt waren beide Geschlechter gleichermaßen vertreten, sowohl aus den gestalterischen Bereichen der Informatik, als auch der logischen und bastlerischen Gegend. Denn es ging nicht nur darum, schöne Webseiten zu gestalten, auch technisch ging es hart ran:

Foto: Ein Smartphone filmt eine Stellwand mit Stickern. Auf dem Bildschirm sieht es so aus, als würde auch noch ein Graffiti auf der Wand kleben.
Das Graffiti klebt regelrecht an der Wand - natürlich nur auf dem Handy | Foto: Moritz

Stichwort KI (Künstliche Intelligenz): Beim Projekt „deepgraffiti“ sollen künstliche Intelligenzen lernen, wie sie von selbst Graffitis generieren und diese dann an Wände projizieren können. Ambitionierte Ziele hatte diese Gruppe auch: 3 lernende Algorithmen sollten das bewerkstelligen. Mit in diesem Team war Moritz. Er hat daran gearbeitet, dass das Grafitti an der Wand auf dem Handy zu sehen ist. AR - Augmented Reality heißt diese Technologie, die auch in PokemonGo zum Einsatz gekommen ist, um die Kreaturen in die reale Welt zu platzieren. Das hat er geschaft, obwohl er davor damit noch nichts gemacht hat! „Es ging uns darum, uns an dem Thema mal auszuprobieren: zu schauen, wie weit wir kommen, was an einem Wochenende möglich ist. Das bietet sich bei JUGEND HACKT auch gut an“, sagte er. Diese Chance haben sie auch genutzt. 

Eine der KIs hat am Ende die Graffitis generiert, die andere geprüft, ob das Produkt auch realistisch ist und eine andere hat diese dann "weitergeträumt" (so gesehen als wäre der Algorithmus auf einem psychodelischen Tripp). Und an der Wand konnte man die Kunstwerke dann auch anschauen, obwohl es anfänglich Probleme gegeben hat. Moritz: Nachdem wir mit einem Plugin zu diesem Zweck genug zu kämpfen hatten, welches sich dann als ungeeignet da unfertig herausstellte, bin ich auf ein Codebeispiel von Google umgestiegen, welches ich kurzerhand anpasste. Google stellt eine Grundlage namens ARCore bereit, die zum Beispiel die Erkennung von Flächen und die Fixierung von Objekten im Raum bereits bietet.“ Dann lief alles glatt. Das Ergebnis kann sich blicken lassen!

Andere Gruppen haben an dem Roboter “DiBib“ gebaut, der die doch eher langweilig wirkenden Bibliotheken interessanter gestalten soll. Den Jugendlichen waren aber auch Bildung und Politik wichtig. „Admin.io“ soll den Leuten spielerisch beibringen, wie man einen Server – also Computernetzwerke, auf denen all unsere Daten verarbeitet werden – managed und sicher hält. Für ein wenig verplante Menschen hat das Team von „WaterMe“ ein Gerät entwickelt, das erkennt, wenn eine Pflanze Wasser benötigt, und das Gewächs automatisch gießt. Ich habe mit meiner Gruppe an dem Spiel „not a game“, also zu Deutsch „Kein Spiel“ gearbeitet, bei dem dem Spieler gezeigt werden soll, wie komplex und schwierig die Entscheidungen sind, die Flüchtlinge auf ihrer Flucht treffen müssen.

 

Daneben gab es noch viele andere Projekte und Ideen, für die es an dem Wochenende teilweise zeitlich eng wurde. Denn das ist die Krux an der Sache: die Jugendlichen haben nur den Samstag und Teile des Sonntags zum Programmieren. Da wird jede wertvolle Minute genutzt - und eventuell, unter Umständen, soll es mal passiert sein, dass vielleicht ein zwei Leute noch bis 5 Uhr in der Früh am coden waren. ;) Das heißt, Club MATE, das Hackergetränk schlechthin, hilft, sich lange wachzuhalten. Mehr zu den Projekten (auch in Videoclips) findet ihr auf der Seite von JUGEND HACKT. Dort gibt es eine eigene Rubrik mit allen Projekten, die seither bei JUGEND HACKT entstanden sind.


Check die gerne mal ab!

Aber nicht nur die Bits und Bytes standen im Vordergrund, nein, auch die Hacker*innen-Ethik ist ein Hauptbestandteil eines jeden JUGEND HACKT Events. Denn Technik wird in unser aller Alltag immer unumgänglicher und diejenigen, die wissen, wie das alles genau funktioniert und vor allem, wo Schwachstellen in Programmen seinen können, müssen wissen, wie man mit diesem Potential verantwortungsvoll umgeht. Hacker sind in erster Linie Leute, die Sachen auseinanderbauen und daraus etwas neues Lernen wollen. „Life-Hacks“ sind auch nur Tipps, bei denen man Gegenstände vielleicht auf den ersten Blick zweckentfremdet, aber trotzdem für etwas Nützliches verwendet, und genau das machen Hacker auch. Sie bauen Programme auseinander, analysieren sie und finden vielleicht Fehler, die Andere böswillig ausnutzen könnten. Und damit die Hacker auf einem Konsens sind, gibt es diese Hacker*innen-Ethik, die genau das beschreibt, was man als Hacker machen soll, und was nicht.

 

Spannend wurde dann der Sonntag, der Tag der Präsentationen. Mit Liveübertragung, Moderator und allem drum und dran mussten die Gruppen ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren. Dort galt wie immer: „Fake it ‘till you make it“. Das Ziel über das Wochenende ist es nämlich nicht, ein vollwertiges Produkt auf den Markt zu bringen, sondern einen Prototyp, der zeigt, wie die Idee das Leben auf dieser Welt besser gestalten kann. Aber mit einem vielleicht nur halb fertigen Projekt auf die Bühne gehen? Das schreit doch nur nach Problemen, oder? Ja! Und das ist normal! Denn keines der Ergebnisse ist auf den ersten Schlag perfekt. Da heißt es, kühlen Kopf bewahren und weitermachen. „The show must go on!“ Meistens regelt sich das Problem ja eh, wenn man das Gerät einmal an- und ausschaltet.

 

Die letzten Kontakte wurden noch geknüpft und gestärkt, Nummern, Emails und Usernames ausgetauscht, damit man nach dem Hackathon noch an den Projekten weiterarbeiten kann oder an etwas Anderem zusammenarbeitet. Das Internet machts möglich. Jana, eine Teilnehmerin, die jetzt schon zum 11. mal dabei war, nimmt aus den Wochenenden ganz viel mit:
"Ich finde, es energetisiert einen dann auch ein bisschen, nicht nach dem ersten oder vielleicht zweiten Tag, weil man zu müde ist, aber danach ist es schon cool und ich merke das, wenn es mal länger kein JUGEND HACKT gibt, dass ich das dann schon vermisse und ein bisschen auch brauche". Beim JUGEND HACKT hat sie eine ganz wichtige Gemeinschaft und viele Erfahrungen für ihr Leben gemacht und wird hofft auf weitere: "Die Community gibt einem so viel: dass man okey ist, wie man ist und das ist dann auch gut so. Dass man fragen kann, wenn man Hilfe braucht. Dass man arbeitet, weil man selber motiviert ist zu arbeiten." Und das kann ich bestätigen. Das Erlebnis bei JUGEND HACKT und das gesellschaftliche Klima ist ein ganz besonderes, das man in ganz wenigen Gruppen so findet. Denn sie wissen, dass jeder besonders ist, und es auch verdient hat, besonders zu sein. Nur so kann man dann mit Code die Welt verbessern.