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Foto: Menschenleere Aula einer Schule mit Uhr und Treppenaufgang, ein Teil der Deckenverkleidung ist abmontiert, darunter verlaufen viele Kabel. Eine Mitteilungstafel ist leer.

Verlassene Schulaula der FOS/BOS Rosenheim | Foto: Jonas B.

Thema
Politik
Redakteur | In
Jonas B.
Veröffentlicht
15.04.2020

Schule in Zeiten von Corona: Und wann werden wir gefragt?

Social distancing kommt irgendwann an seine Grenzen - weil wir Menschen sind.

 

Momentan sind die Schulen in Bayern und dem Rest von Deutschland so ziemlich alle dicht. Doch nicht nur das, auch das restliche öffentliche Leben ist auf ein Minimum heruntergefahren. Und das ist auch gut so. Denn wir brauchen den Abstand, so schwer es auch ist, um über den Berg zu kommen: Den Berg namens Corona. Wir können nicht auf die Herdenimmunität warten, das dauert viel zu lange. Klar ist aber auch: Social distancing kommt irgendwann allein menschlich an seine Grenzen.

Also einfach wieder Aufmachen und gut ist, nur damit alle Happy sind?

 

Ne, nicht so ganz. Ich muss sagen wir sind meiner Ansicht nach grad erst am Anfang. Und auf einem guten Weg. Aber diesen Weg müssen wir weiter gehen und nicht wieder durch Aufmachen leichtsinnig werden. Damit könnten wir uns alles kaputt machen.

Was genau meine ich damit eigentlich?

 

Naja, dabei geht es hauptsächlich um die Diskussion Schulen und Geschäfte, sowie Dienstleisterbetriebe, wie Frisöre, wieder zu öffnen. Alles natürlich unter dem strengen Auge des Infektionsschutzes. Wie das funktionieren soll, das wissen momentan selbst die Schulleiter der einzelnen Schulen noch nicht genau, geschweige denn die Lehrer, wie sie dann ihre Schüler überhaupt unterrichten dürfen, wie die Klassen zusammengesetzt werden und wie es überhaupt um ihr eigenes Gesundheitsrisiko bestellt ist. Gemunkelt wird von Maskenpflicht, Klassenteilungen wegen zu engem Raum und und und. Wie man sich das vorstellt, 8h hinter einem dicken Stück Stoff und/oder mehreren Schichten Kohlefilter zu verbringen und dabei trotz Sauerstoffmangel in Hinblick auf das Abitur Höchstleistung abzurufen, das ist mir schleierhaft.
Davon abgesehen: Auch unter Schülern gibt es Riskogruppen! Wenn diese zum Selbstschutz nicht am Unterricht teilnehmen dürften, wie würde man diesen Nachteil ausgleichen?

Rein In die Krise ging´s schnell... aber wie wieder raus? 

 

Versteht mich nicht falsch, auch finde ich es richtig und wichtig, über ein Leben danach und einen Weg aus der Krise nachzudenken und den auch zu planen. Mir geht das nur politisch gerade irgendwie etwas zu schnell. Die beschlossenen Maßnahmen vom 15.04. finde ich zwar grundsätzlich gut, aber so manche politische Forderung nach einem schnelleren Exit aus dem Shutdown oder dem zeitnahen Vorlegen einer Exit-Strategie, finde ich gerade etwas fehl am Platz. Auch wann es in der Schule los geht, ist in Bayern ja zumindest für Abschlussklassen früher gedacht als im Rest der Republik. Am 27.04. sollen Abschlussklassen schon wieder im Klassenraum sitzen und büffeln. Wie das genau abläuft und wie die Sicherheitsmaßnahmen sind, ist bisher noch relativ unklar.

Wir sind gerade auf einem guten Weg, die Infektionsrate runterzufahren. Das ist auch wichtig, denn das Ziel kann und wird nicht allein die Herdenimmunität sein. Die braucht, wie die Chemikerin und YouTuberin Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem Kanal MaiLab erklärt, vorraussichtlich 1-2 Jahre. Dann würden sich ihren Berechnungen zufolge circa 50 Millionen Deutsche infiziert haben und somit würde sich dem Virus eine nur noch sehr begrenzte Zahl an "Infizierbaren" bieten.
Nein, das wird nicht das alleinige Ziel sein. Oberstes Ziel ist es, wieder in die so genannte "Containment-Phase" zu kommen, die Phase einer Epidemie/Pandemie, in der die einzelnen Neuinfektionen nachvollziehbar sind und einzelne Personenkreise gezielt isoliert werden können, um den Rest der Bevölkerung zu schützen.

 

Hier zum Nachsehen das angesprochene Video von MaiLab, sie zeigt hier nochmal im Detail wie lange es zur Herdenimmunität dauern könnte und gibt weitere EInblicke auf fachlicher Ebene.

Hat Bayern zu früh oder zu spät reagiert?

 

Am Anfang hatte es Deutschland gar nicht so eilig. Lange hat es gedauert bis sich zum Schutz der Bevölkerung etwas getan hat. Und dann auch nur zögerlich. Bayern war eines der ersten deutschen Bundesländer, das massivere Maßnahmen beschlossen hatte, um der ausbrechenden Corona-Pandemie Herr zu werden.

 

Der oft geäußerte Vorwurf an Bayern über sein "Vorpreschen" oder auch das in einem Artikel des BR angedeutete "Wettrennen vs. Synchronschwimmen" ist für mich eine absolute Ungerechtigkeit und grenzt für mich auch in gewisser Weise an Blindheit. Gemeint ist damit die sehr massive und plötzliche Reaktion der bayerischen Regierung am 13.03., als die Schulschließungen bekannt gegeben wurden. Im internationalen Vergleich hat Bayern damit sogar spät reagiert, finde ich. Aber im deutschlandweiten Vergleich hat Bayern noch vernünftig reagiert und die Gefahr zwar spät, aber dennoch erkannt. Zumal in Bayern durch die Nähe zu Österreich und Italien auch die Ansteckungsgefahr sehr sehr viel höher lag. Das ist somit mit dem Rest Deutschlands auch gar nicht wirklich vergleichbar.

Die, die entscheiden, müssen ja kein Abi schreiben!

 

Weder Söder, noch Merkel dürfen sich ab vorraussichtlich Ende Mai in die Prüfungsräume setzen, um ihre Gesundheit bangen und dabei 6h Abitur pro Tag schreiben. Natürlich ist auch für sie die Situation nicht leicht, aber wir Schüler haben unser Leben vor uns und wollen mit dem Abitur oder anderen Schulabschlüssen unser Berufsleben einleiten und damit womöglich unsere gesamte Zukunft bestimmen. Also ein einschneidendes, wichtiges Ereignis. Der Druck dazu ist sowiso schon da, auch ohne Corona. Das aber bringt hier noch mehr Belastungen und damit Druck hinein, den uns bisher Keiner ausgleichen zu wollen scheint. Alles soll so wie die Jahre zuvor ablaufen, in Bayern wird das Abitur wie immer stattfinden. Dass es aber ziemlich uncool ist, sich in große Prüfungsräume zu setzen mit vielen anderen Prüflingen, sich vielleicht anzustecken und unter einer Maske dahin zu vegetieren, das scheint für mich und andere Schüler klar. 

 

Ich hoffe, dass bei den ganzen Planungen und Maßnahmen auf die Schüler und Lehrer Rücksicht genommen wird und sie noch nicht in dieser wackeligen Phase einem logistisch völlig unvorbereiteten Unterricht ausgesetzt werden. Maßnahmen zur Organisation von Masken, Desinfektionsmitteln, größeren Räumen und mehr Tischen (für die Einhaltung der Abstandsregel), vlt. auch Hygieneschulungen für Lehrer und Schüler oder gar mehr Reinigungspersonal für die Reinhaltung der doch massiven Infektionsquelle Gemeinschaftstoilette sind bisher nicht ausreichend öffentlich diskutiert worden. Das wäre aber für einen chaosfreien Betrieb, in dem auch die Lehrer Bescheid wissen, was wie zu tun ist, notwendig. Solche Vorbereitungen brauchen aber Vorlauf. In vielen Schulen gibt es heute teilweise nicht einmal heißes Wasser in den Toiletten, geschweige denn Seife. Um hier ausreichende Hygiene zu gewährleisten, müssten Sanitäranlagen umgerüstet werden, Putzpersonal eingestellt werden, um die Toiletten mehrmals täglich zu reinigen und am besten ein Hygienebeauftragter bestimmt werden, um die Einhaltung dieser Maßnahmen zu koordinieren. Auch die Lehrer-Gewerkschaft GEW empfiehlt solche Maßnahmen dringend, deren Vorsitzende Marlis Tepe merkte in der PNP (Passauer Neue Presse) aber an, dass hierzu 2 Wochen Vorlauf nötig seien. 

 

Und außerdem finde ich, dass wir, die wir das ja dann aushalten müssten, wir, die wir mit dem Abitur unser künftiges Leben bestimmen, dass wir mehr Mitspracherecht brauchen!
Es ist schön und gut, dass sich Wissenschaftler und hochrangige Politiker mit Forderungen und Ideen überbieten, aber sind es nicht wir, die wir das mitmachen müssen? Wir müssen ja schließlich zur Schule gehen. In die Schule, die eh schon als Brutstätte für Krankheiten gilt, in die Schule, die eh schon überfüllt ist, in die Schule die baufällig ist. Und das in Zeiten, in denen manche Schüler zuhause um ihre Existenz bangen, da der familieneigene Bäckerbetrieb auf der Kippe steht oder die Eltern in der Kurzarbeit hängen. Wir sind die, die das Abitur schreiben!

 

Falls ihr auch der Ansicht seid, dass die Meinung der Schüler, die wir ja davon persönlich mehr betroffen sind als Söder und co, zu wenig gehört oder gelesen wird, habt ihr nachfolgend die Möglichkeit eure Meinung mal wirksam sichtbar zu machen:

 

www.soscisurvey.de/jugend_corona

 

Am 13.03. hatten bayerische Schüler ihren vorerst letzten Schultag. Diesen Zustand finde ich gut. Nicht, weil zuhause zu hängen so unglaublich cool ist und ich den ganzen Tag nur zocken und Serien suchten kann, auch nicht weil mir die Schule so sehr zuwieder wäre. Nein. Sondern weil ich Angst habe. Angst vor einer Infektion und deren ungeahnten Folgen. Angst auch vor dem Chaos. Und Angst, mein Abitur deswegen in den Sand zu setzen. Man stelle sich nur mal einen Schulbeginn vor, natürlich mit massiven Schutzmaßnahmen, wie z.B. einer Maskenpflicht. Wer schon mal über eine gewisse Zeit einfache Stoffmasken getragen hat, weiß wovon ich rede, wenn ich sage, dass das Schnaufen durch den Stoff auf Dauer zur Qual wird. Nun, stell dir mal vor, so eine Maske über 8h zu tragen und dabei geistige Höhenflüge abzuliefern und gar dein Abi zu schreiben. Für mich absolut eine zusätzliche Belastung. Zumal es an Masken ja eh hinten und vorne fehlt.

 

In Deutschland gab es deshalb schon mehrere Vorstöße um ein Umdenken der Politik beim Abitur zu erreichen. Ca. 140 000 Menschen haben zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels bereits eine Petition online unterschrieben, die fordert, das Abitur durch ein "Notabitur" (auch Durschnittsabitur) zu ersetzen und auf eine verpflichtende Prüfung zu verzichten. Denn klar ist, das Corona-Virus wirft seine Schatten und wird nach bisherigem Stand für die Schüler schulische Nachteile mit sich bringen. Daher fordern Schüler- und Elternverbände in Deutschland klare Leitlinien und ein langsames, behutsames Angehen des Unterrichts, z.B. mit ausschließlicher Unterrichtung der Hauptfächer und einem sicheren, detailgeplanten Hygieneplan. Und sie fordern ein Absehen vom bisherigen Abiturmodell für dieses Jahr. Dem hat Markus Söder (bayer. Ministerpräsident; CSU) aber am 15.04. in den BR und BILD-Interviews leider eine Absage erteilt.

Warum sollten wir dann eigentlich wieder in die Schule?

 

Ja genau, warum eigentlich, wo wir nach Söders Aussage im ARD-Interview vom 14.04. doch ca. 2 Wochen vom Pandemie-Ausmaß hinter Österreich her sind und dort Beschränkungen nach wie vor anhalten?
Naja, es ist ja wichtig, dass wir unseren Abschluss haben. Aber uns soll ja kein Nachteil durch Corona entstehen. Ein Trugschluss meiner Ansicht nach, denn nach den bisherigen Diskussionen klingt das für mich mehr nach "Augen zu und durch". Wie schon angesprochen, wünsche ich mir einfach vernünftige Konzepte und bleibe lieber ein paar Wochen länger zuhause, als mich in der Schule unnötiger Gefahr auszusetzen oder mein Abitur in den Sand zu setzen.

Was ich mir wünsche...

 

Meine Bitte an unsere Politiker ist also nicht viel weniger als ein Appell an deren Vernunft. Ich hoffe, wir werden gehört, ich hoffe man entscheidet für uns und nicht für wirtschaftliche Belange oder, um irgendeinen Wettbewerb "wer schneller ist" zu bestreiten! Ich würde bevorzugen, dass ich meine Klassenkameraden und Lehrer noch ein paar Wochen nur virtuell sähe, einfach damit sich die Lage weiter beruhigen könnte, genügend Vorkehrungen getroffen werden könnten und wir einen einigermaßen erträglichen Schulalltag haben könnten, ohne Angst und ohne Gefahr einer unerkannten Infektion!
Mehr als wünschen und hoffen kann ich aber nicht, mir bleibt wie euch nichts anderes als abzuwarten, ob und wie sich Bayern und Deutschland vernünftige Wege einfallen lassen, wie wir zu einem fairen, nachteilsfreien Abitur und vor allem zu einem erträglichen Schulleben kommen, das sicher und chaosfrei ist. Zu unser aller Sicherheit und Gesundheit fände ich das nur wünschenswert.

 

Cheers...