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Zeichnung: 11 Silhouetten von Models in modischen Kleidern, die nebeneinander stehend posieren

Eine ist immer die Böse | Zeichnung: Felix A.

Thema
Unterhaltung
Redakteur | In
Felix A.
Veröffentlicht
17.05.2020

Die Doppelmoral von GNTM

Share Respect - Not Hate. Unter diesem Motto hat ProSieben eine Kampagne gegen Hass und Cybermobbing gestartet. Die Macher der Sendung tragen jedoch selbst eine große Mitschuld daran, was den jungen Models gerade im Netz passiert.

 

In dem Video lesen die Top 6 der Kandidatinnen von GNTM herabwürdigende Hassnachrichten vor, die sie über Social Media zugesendet bekommen haben, und appellieren zusammen mit mehreren Moderatoren des Senders an die Zuschauer, dass Hass und Beleidigungen niemanden weiterbringen. 


Ich finde: Das Verhalten des Senders ist an Doppelmoral kaum zu überbieten. Denn ProSieben selbst provoziert durch eine einseitige Darstellung der Teilnehmerinnen und durch das auf Streit ausgelegte Konzept von GNTM, dass die Kandidatinnen anonyme Hassbotschaften, Pöbeleien in der Öffentlichkeit und Morddrohungen ertragen müssen. 


Es fängt schon beim Konzept an: Die Kandidatinnen leben für viele Wochen gemeinsam in einer Villa. Sie essen zusammen, schlafen zusammen und verbringen zusammen ihre Freizeit. Während dieser Wochen gibts es zahlreiche Shootings, Castings, Catwalks und noch viele weitere Challenges, die Druck auf die Kandidatinnen ausüben. Woche für Woche verlassen immer mehr „Mädchen“ die Show, bis am Ende eine Siegerin gekürt wird. Streit ist da natürlich vorprogrammiert! In der letzten Staffel gipfelte es sogar damit, dass eine Kandidatin eine Andere schlug und anschließend rausgeworfen wurde. Jede Staffel hat Publikumslieblinge und eher unbeliebte Teilnehmerinnen. 

Man kann keine ernstzunehmende Kampagne gegen Mobbing starten, wenn man gleichzeitig von Mobbing profitiert!

 

In der aktuellen Staffel ist eines besonders extrem: Eine Kandidatin, Lijana, fällt immer wieder durch abwertende Aussagen auf. Anstatt sie zu „bändigen“ feuert Heidi Klum ihr Verhalten noch zusätzlich an, z.B. indem sie Lijana ständig über ihre Einschätzung zu den anderen Models fragt und sie motiviert, ihren Konkurrentinnen keine Tipps zu geben oder im Halbfinale fragt, wer den Einzug ins Finale nicht verdient habe.

Zusätzlich bekommt Lijana so viel Sendezeit wie keine Andere: Kommt eine Kandidatin nach einer Entscheidung (mit oder ohne Foto) zurück, wird sofort ihre Reaktion gezeigt. Passiert etwas in irgendeiner Weise Interessantes, wird primär Lijana nach ihrer Meinung gefragt. 

 
Die extrem negative Darstellung von Lijana und das zusätzliche Anfeuern von Konflikten zwischen den Models birgt natürlich ein enormes Hasspotential. So ist es kein Wunder, dass es bei mittlerweile fast 3 Millionen Fernsehzuschauern genug Idioten gibt, die Lijana Drohungen schicken, ihr Auto beschädigen, Giftköder, die offenbar für ihren Hund gedacht waren, in ihrem Garten versteckten, und sie in der Öffentlichkeit bespucken, anschreien und beleidigen. 

 
Es ist gut, dass ProSieben solch eine Kampagne startet. Noch besser und auch viel wirksamer wäre es jedoch, wenn die Produzenten, allen voran Heidi Klum, mehr auf das Wohlbefinden und die Sicherheit der Kandidatinnen achten würden als auf die Fernsehquote. Denn eines ist sicher: Man kann keine ernstzunehmende Kampagne gegen Mobbing starten, wenn man selbst Mobbing schürt und davon profitiert.