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Foto: Ärztin impft Patienten. Beide tragen Masken.

Foto: Rita Böckstiegel

Interview von Benni
Bereich
Wissen
Veröffentlicht
18.06.2021

Ich habe mich impfen lassen! Mein Interview zur Corona-Impfung

Beim Impfen habe ich ein spannendes Interview mit meiner Hausärztin geführt. Alles Wichtige rund um die COVID-19-Impfungen und warum sich junge Leute gerade jetzt und ohne schlechtes Gewissen für eine Impfung anmelden sollten, erfährst du hier.

 

Frau Dr. med. Irene Schulze-Strein ist Internistin und arbeitet seit 2005 in ihrer eigenen Praxis in Stephanskirchen.

Was sagen Sie: Soll man sich gegen COVID-19 impfen lassen?

Ja, für mich absolut keine Frage. Impfungen gibt es generell nur dann, wenn es um Krankheiten geht, die nicht behandelbar sind. Eine Ansteckung birgt deutlich höhere Risiken als die Nebenwirkungen einer Impfung. Das Risiko eines thrombo-embolischen Ereignisses bei einer COVID-19-Erkrankung von 16,5% steht im Gegensatz zum Risiko eines ähnlichen Ereignisses bei der AstraZeneca-Impfung von 0,0004%. Sogar das Rauchen und die Pille sind deutlich gefährlicher als Auslöser für thrombo-embolische Ereignisse. Die Erkrankung an COVID-19 bringt vor allem schwerpunktmäßig für alte Menschen ein enormes Risiko mit sich, doch sie kann auch für jüngere Menschen sehr gefährlich sein. Das Virus wird endemisch bleiben, das heißt, es bleibt erhalten. Und wertfrei gesagt hat jeder, der sich nicht impfen lässt, keinen Schutz. Man muss sich klarmachen, dass sich alle Menschen, die sich jetzt nicht impfen lassen wollen, im Laufe der nächsten Jahre mit Sicherheit infizieren werden, da gibt es kein Vertun.

"Keiner der Impfstoffe vermag eine genetische Veränderung auszulösen. Das können die Impfstoffe schlichtweg nicht."

Gibt es Impfstoffe, die gefährlicher sind als andere?

Keiner der Impfstoffe vermag eine genetische Veränderung auszulösen. Das können die Impfstoffe schlichtweg nicht. Bisher sind in Deutschland zwei Arten von Impfstoffen zugelassen: Vektorimpfstoffe und mRNA-Impfstoffe. Eine dritte kommt in Form eines proteinbasierten Impfstoffes Ende 2021 auf den Markt. Die Funktionsweise der bereits zugelassenen Impfstoffe ist sehr ähnlich. Das Ziel ist bei beiden Arten, das sogenannte Spike-Protein des SARS-CoV-2 als Antigen zu verwenden, welches unser Immunsystem dann erkennt und dagegen Antikörper erzeugt. Optisch kann man sich das Spike-Protein wie eine mit Nelkenstangen gespickte Orange vorstellen, wobei die Nelken jeweils eine Protein-Sequenz darstellen, die als Bauanleitung für die Antikörper fungieren und in der Zelle entschlüsselt werden. Ebenso verbleibt der Impfstoff bei beiden Arten an der Injektionsstelle und wird dort auch nach kurzer Zeit wieder abgebaut, ohne in den Rest des Körpers zu gelangen.

Bei den messengerRNA-Impfstoffen BioNTech und Moderna wird mRNA in die Zellen eingeschleust, die letztendlich die Bauanleitung für das Spike-Protein ist. Diese wird in eine Miniatur-Fettblase eingebaut und dann in den Oberarmmuskel gespritzt. Dann gibt es die Virusvektor-Impfstoffe AstraZeneca, Johnson&Johnson sowie Sputnik V. Virusvektoren sind im Grunde nur Trägermöglichkeiten, kleine Transportvehikel, um die Bauanleitung für das Spike-Protein des Corona-Virus in den Körper einzuschleusen. Mit Viren funktioniert das sehr gut, weil die Viren ohnehin gerne in unseren Körper eindringen. Diesen Mechanismus nutzt man, um das Spike-Protein auf einem Transportvehikel in unseren Körper einzuschleusen und die Bauanleitung dann im Zellkern übersetzen und replizieren zu lassen. Genutzt wird dazu ein Teil eines Adenovirus, das bei Schimpansen vorkommt. Bei Sputnik V, einem sehr gut und klug gemachten Virusvektor-Impfstoff aus russischen Laboren wird für die beiden notwendigen Impfungen jeweils unterschiedliche Vektoren hergenommen. Sie haben zwar menschliche Adenovirusvektoren ausgewählt, aber eben für die zweite Impfung ein anderes Transportvehikel eines ebenfalls menschlichen Adenovirus, damit das Immunsystem diesen nicht als bekannt erkennt.

Finden Sie es bedenklich, dass die Impfstoffe so viel schneller als sonst entwickelt wurden?

Nein, diese Impfstoffherstellung und -forschung ist nicht erst im letzten Jahr entstanden, sondern man hat aus der Ebola-Forschung eine 28-jährige Erfahrung in dieser Art der Impfstoffentwicklung. Richtig ist natürlich, dass die mRNA-Impfstoffe erst seit einem Jahr am Menschen angewandt werden. Das hängt eben auch damit zusammen, dass COVID-19 eine weltweite Erkrankung ist und noch nie zuvor Wissenschaftler weltweit so intensiv und offen zusammengearbeitet haben. Die Daten aus Wuhan wurden Anfang Januar 2020 übermittelt und Mitte Januar 2020 war das Genom von SARS-CoV-2 schon entschlüsselt. Man wusste also genau, womit man es zu tun hat. Letztlich musste man sich nur noch überlegen, wie man die gewollten Informationen in eine Impfung verbaut.

Welchen Impfstoff würden Sie also empfehlen?

Jeder dieser Impfstoffe funktioniert hervorragend. Sie verhindern zu 100%, dass man an SARS-CoV-2 stirbt und verhindern schwere Verläufe. Und mehr kann man von einem Impfstoff eigentlich nicht verlangen. Was wir nicht wissen, weil es einfach noch relativ neu ist, ist, wie lange die Immunitäten anhalten. Die aktuelle Empfehlung ist die, dass wir alle nach etwa einem Jahr wieder eine sogenannte Boosterung, eine Erinnerung für unser Immunsystem brauchen, damit wir dauerhaft immun sind. Antikörper sind eben auch Eiweißpartikel und die können langsam abgebaut werden, deshalb frischt man diese auf. Das hängt auch damit zusammen, dass völlig neue Virusmutationen entstehen, an die man die Impfstoffe anpasst. Mutationen sind gewissermaßen ein Hobby der Viren, die immer versuchen, sich so zu verändern, dass sie die Wirte, also uns Menschen, austricksen, um sich ihren Lebensraum ideal zu gestalten. Die Impfstoffforschung ist aber so gut, dass sie innerhalb von drei Monaten die Impfstoffe an die Mutanten anpassen kann. Wir haben es in Deutschland aktuell primär mit Variante Alpha zu tun und dagegen sind alle im Moment erhältlichen Impfstoffe sehr gut wirksam. Die anderen Varianten, vor allem die Delta-Variante, sieht man bei uns noch eher selten. Das kann sich aber, ähnlich wie in Großbritannien, schnell ändern.

Foto: 1 Fläschchen AstraZeneca-Vakzin und 5 Fläschchen Comirnaty-Vakzin.
Impfstoff von BioNTech/Pfizer und AstraZeneka | Foto: Dr. med. Irene Schulze-Strein

 

Ist AstraZeneca denn nicht gefährlicher, zumindest für junge Frauen?

Ich würde nicht sagen, dass AstraZeneca prinzipiell ungeeignet ist für junge Frauen. Es ist ein guter Impfstoff. In Deutschland ist es leider etwas unglücklich gelaufen. Man hatte ursprünglich gesagt, der AstraZeneca-Impfstoff sollte nicht an Senioren verimpft werden, weil - und das wird immer vergessen - man in Deutschland sehr, sehr sicher arbeiten möchte und einfach noch nicht genügend Daten für die Wirksamkeit dieses Impfstoffes bei Senioren hatte. Darum war man zögerlich und hat erstmal abgewartet. Da die Senioren aber der Hauptfokus der gesamten Impfkampagne waren, wurde das in der breiten Öffentlichkeit so verstanden, als wäre der Impfstoff für die Senioren nicht geeignet. Also hat man dann die Jüngeren damit geimpft und wollte die Daten aus England abwarten, was die Impfung der Senioren betrifft. Bekommen haben diesen Impfstoff deshalb erstmal schwerpunktmäßig Schwestern und Pfleger aus den Krankenhäusern, eine absolute Risikogruppe, weil sie täglich mit COVID-Patienten zu tun hatten. Dieser Pflegebereich hat jedoch einen hohen Frauenanteil. Das heißt, es wurden in dieser Zeit sehr viele junge Frauen geimpft, weil die eben in diesen Risikobereichen arbeiten. Und dann hat man beobachtet, dass bei knapp 3 Mio. Impfungen an jungen Frauen, die man in Deutschland gegeben hat, 80 Sinusvenenthrombosen aufgetreten und 14 Menschen gestorben sind. Das ist eine Katastrophe, keine Frage, eine ganz schwerwiegende Nebenwirkung! Wenn man sich aber die Zahlen anschaut, ist das ein Verhältnis, das die Verteufelung dieses Impfstoffes nicht rechtfertigt, das muss man einfach sagen.

Dann können sich also auch junge Frauen mit AstraZeneca impfen lassen?

Können ja, aber es gibt ja auch Alternativen! Wir sind in Deutschland super vorsichtig und möchten junge Frauen nicht diesem Risiko aussetzen, auch wenn es nur ein Risiko im Promille-Bereich ist. Außerdem haben wir mit den mRNA-Impfstoffen sehr gute Alternativen. Das Ganze war natürlich auch eine mediale Katastrophe, denn am Ende blieb hängen: „AstraZeneca-Impfstoff löst tödliche Sinusvenenthrombosen aus!“ Und damit war der Impfstoff ruiniert. Dabei hat sich herausgestellt, dass er wohl für Männer absolut geeignet und risikolos ist. Die Pointe dabei ist, dass sich AstraZeneca speziell für Senioren ebenfalls perfekt eignet. Diese Daten haben wir jetzt aus England, weil die Briten mehr als 20 Mio. AstraZeneca-Impfungen bei Senioren verimpft haben und überhaupt keine relevanten Nebenwirkungen beobachtet haben. Doch bei uns haben leider viele Senioren in Folge der medialen Berichterstattung die Impfung mit AstraZeneca verweigert, was ganz fatal für uns war, weil wir nach wie vor eine Impfstoffknappheit haben was Moderna und BioNTech-Impfstoffe betrifft. Und dadurch haben Senioren praktisch den jungen Menschen den BioNTech und Moderna-Impfstoff weggenommen. Somit muss man leider sagen, dass die Senioren die Impfkampagne deutlich verzögert haben. Die jungen Leute müssen jetzt warten, bis wir wieder genügend Impfstoffe zur Verfügung haben. Es ist bitter für uns zu sehen, dass wir 5 Mio. Dosen AstraZeneca-Impfstoff brachliegen haben, die nicht verimpft werden können, weil die Impfverweigerung so groß ist.

Tragen die Medien eine Mitschuld an dieser Verteufelung von AstraZeneca?

Ja, ich glaube schon, dass da vieles schiefgelaufen ist. Es ist viel Fehlinformation in den sozialen Medien publiziert worden. Viel Information wird sehr verkürzt dargestellt und das ist aus meiner Sicht das Hauptproblem. Wissenschaft wird von der Bevölkerung völlig missverstanden, denn Wissenschaft ist ein fließendes Medium. Was heute Gültigkeit hat, kann morgen schon wieder infrage gestellt werden. Wissenschaft ist eine Kultur des Zweifelns und des Neuerfindens, des ständigen Weiterdenkens und auch ständigen Infragestellens. Damit können die Menschen ganz schlecht umgehen. Viele möchten hören: Schwarz oder Weiß! Das ist richtig, das ist falsch und das wiederum soll Gültigkeit haben für immer. So funktioniert das aber nicht, denn wir sind in einem ständigen Lernprozess. Natürlich ist das Thema an sich viel zu komplex, um einen kurzen Zeitungsartikel darüber zu schreiben. Dadurch wird Information komprimiert und verkürzt. Und je mehr das geschieht, umso falscher wird die Nachricht. Irgendwann kommt am Ende etwas heraus, was so einfach nicht mehr stimmt. Das war wahrscheinlich keine böse Absicht, ist jedoch die logische Konsequenz, wenn man in wenigen Sätzen eine Materie beschreiben möchte, mit der die gesamte virologische Wissenschaft der Welt beschäftigt ist.

Und dann gibt es natürlich noch eine Gruppe von Menschen, die generell in eine verschwörungstheoretische Richtung neigt und sehr wissenschafts-feindlich ist. Die können sie mit überhaupt keinem wissenschaftlich fundierten Argument erreichen. Da muss man sich aber auch nicht zu viele Gedanken machen, denn tatsächlich sind das gar nicht so viele Menschen. Sie sind nur meist sehr laut und werden deshalb stärker wahrgenommen. Interessant ist, wenn Bevölkerungsumfragen durchgeführt werden, wer denn impfbereit ist und wer nicht: im Moment möchten sich 73% der Bevölkerung schützen und impfen lassen. 10% sind strikte Impfgegner, die sie wahrscheinlich nicht erreichen werden und der Rest überlegt noch. Die überwältigende Mehrheit der Menschen scheint zu einer klaren Entscheidung gekommen zu sein.

"Das Virus macht keinen Unterschied, in welchem Alter es uns befällt."

Sollen Kinder geimpft werden oder nicht?

Die Kinder sind natürlich die schützenswerteste Gruppe der Bevölkerung. Wenn schon Erwachsene zweifeln, sich selbst impfen zu lassen, dann entwickeln sie natürlich noch größeren Protektionismus, was ihre Kinder betrifft. Ich würde andersherum an das Thema herangehen. Die Impfungen von BioNTech/Pfizer sind im Moment ab dem 12. Lebensjahr zugelassen. Die Idee dahinter ist die, dass die Kinder und Jugendlichen dann eben auch wieder in die Schule gehen und soziale Kontakte pflegen können, ohne dass sie ständig gefährdet sind, krank zu werden. Großbritannien hat bisher 68% der erwachsenen Bevölkerung geimpft (1. Impfung) und 40% sind bereits komplett immunisiert (2. Impfung). (In Deutschland haben 50% eine Impfung und knapp 30% den kompletten Impfschutz.) Das heißt, für Großbritannien könnte man davon ausgehen, dass ein gewisser Herdenschutz besteht. Die Schulen sind dort seit März 2021 für alle Altersstufen wieder geöffnet. Wir werden Ende des Sommers die britischen Daten bekommen und sehen, ob diese völlig ungeschützte Gruppe Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die jetzt in die Schule gehen und nicht geimpft sind, deutlich erkranken oder nicht. Die Überlegung ist nämlich die: Wenn ausreichend Menschen in der Erwachsenenwelt geimpft sind, könnte es durchaus sein, dass wir die Kinder gar nicht impfen müssen. Wer geimpft ist, wird nicht nur selbst nicht krank, sondern wird mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit auch die Krankheit nicht weitergeben können, was ein genialer zweiter Nutzen ist - dass man durch die Bereitschaft, sich selbst zu impfen, eben auch andere schützt. Eine sehr solidarische Art, sich in der Gesellschaft zu verhalten. Ich denke, dass es durchaus Sinn machen könnte, auch jüngere Kinder unter 12 Jahren zu impfen. Dafür gibt es allerdings noch keinerlei Zulassungen und es ist selbstverständlich die Domäne der Pädiatrischen Fachgesellschaften dies zu entscheiden. Interessant ist folgender Aspekt: In jeder Bevölkerungsgruppe, völlig egal, welchen Alters, ist die Virusprävalenz gleich. Also sind die kleinen Kita-Kinder genauso potenziell infektiös wie die 50-Jährigen, die 80-Jährigen, wie alle. Das Virus macht keinen Unterschied, in welchem Alter es uns befällt.

Gibt es denn Gruppen, die das Virus besonders stark verbreiten?

Es gibt generell keine Gruppe in der Gesellschaft, die ein ganz besonderer Hotspot wäre. Man hat eine Weile den Jugendlichen sehr Unrecht getan, finde ich, indem man behauptet hat, die Jugendlichen wären es, die sich an keinerlei Regeln halten wollen, weil sie ja sowieso nicht krank werden würden. Die Jugendlichen sind nicht die Treiber der Infektionen, aber wir müssen sie genauso gut schützen und auch bitten, die Hygieneregeln einzuhalten, weil wie gesagt in allen Altersgruppen das Virus gleich prävalent ist.

Wann erreichen wir durch Impfen eine Herdenimmunität?

Herdenimmunität funktioniert so -das gilt für jede Impfung und für jede Impfkampagne - je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger Möglichkeiten gibt es für einen Krankheitserreger, sich auszubreiten. Weil eine geimpfte Person einfach kein guter Wirt mehr ist für einen Krankheitserreger und wer sich nicht ausbreiten kann, der ist „erledigt“. So ein Virus ist am Ende, wenn es ständig auf geimpfte, also immune Personen trifft. Die Zahl der immunisierten Menschen muss aber recht hoch sein, sie sollte zwischen 70 und 80 Prozent der Bevölkerung liegen. Es wäre also sicherlich sehr klug, in unserem Fall die gesamte Erwachsenenbevölkerung zu impfen, damit die Kinder und die Menschen, die wir nicht impfen können, geschützt sind vor der Erkrankung.

"Selbstverständlich nimmt kein einziger junger Mensch einem älteren Menschen den Impfstoff weg!"

Würden jüngere Menschen den älteren jetzt noch Impfstoffe wegnehmen?

Ganz wichtige Frage. Selbstverständlich nimmt kein einziger junger Mensch einem älteren Menschen den Impfstoff weg! Das Thema des Seniorenschutzes ist schon erledigt. Jetzt ist es ganz wichtig, die jüngeren Generationen zu impfen, damit sie wieder ein normales Leben führen können und das Virus nicht verbreiten. Das Risiko, die Erkrankung auszubreiten und weiterzugeben, muss berücksichtigt werden und die Menschen, die das größte soziale Umfeld haben, das sind einfach die jungen Menschen. Man geht natürlich davon aus, dass junge Menschen keine schweren und schwersten Krankheitsverläufe haben und das ist auch gut so. Aber wir sehen bei den Jüngeren immer mehr Fälle von Long COVID und Post COVID, auch nach milden Krankheitsverläufen. Bei den älteren Infizierten kam es dazu gar nicht. Von denen sind in Deutschland 86.000 gestorben! Aber jetzt sind es zunehmend die jüngeren Patienten, die wir auch auf den Intensivstationen sehen. SARS-CoV-2 kann alle Regionen des Körpers befallen. Wir sehen nicht nur Gefäßereignisse, wir sehen auch neurologische Ereignisse, psychische und muskuläre Spätfolgen, Herz- und Herzmuskelerkrankungen - alle Strukturen des Körpers können befallen sein. Viele Menschen leiden unter den Folgen einer durchgemachten Erkrankung. Als Post COVID-Syndrom wird zum Beispiel eine Rekonvaleszenz, also die Phase der Erholung nach einer Krankheit, von 8 Wochen und mehr bezeichnet. Man war krank und erholt sich einfach nicht mehr. Die Menschen können zum Teil nicht mehr richtig sprechen und schreiben, sich nicht mehr richtig konzentrieren, haben motorische Schwächen, können kaum mehr Treppen steigen oder mit dem Hund spazieren gehen. Sie erleben enorme Leistungseinbrüche und waren vorher vollkommen gesund. Und selbst, wenn das nur 8, 12 oder 16 Wochen dauert, das möchte man nicht haben. Wir haben noch Folgeerkrankungen aus der ersten Welle im Februar und März 2020. Menschen, die immer noch nicht riechen oder schmecken können und die das wahrscheinlich auch nicht wieder erlangen werden. Das ist eine Einschränkung der Lebensqualität und wenn ich es vermeiden könnte, dann würde ich es tun. Ich für mich möchte auch nicht Mühe haben, eine Treppe zu steigen, ich möchte rausgehen können, ohne, dass ich nach 300 Metern wieder umdrehen und mich hinlegen muss. Das möchte ich einfach nicht haben.

Ist die Impfablehnung ein Luxusproblem?

Aus meiner Sicht, ja. Eine Impfung gegen eine Erkrankung zu verweigern, gegen die wir impfen KÖNNEN und die einen absoluten Schutz vor Tod und schwerem Verlauf bietet und sich stattdessen dafür zu entscheiden, lieber die Erkrankung zu bekommen, die vollkommen unkontrolliert ablaufen kann, die wir auch nicht behandeln können - das ist aus meiner Sicht schwer nachvollziehbar.

Foto: In 2 Schalen liegen 25 unverpackte Spritzen
Impfnadeln | Foto: Dr. med. Irene Schulze-Strein

 

Wo haben junge Menschen momentan die größte Chance, eine Impfung zu bekommen?

Ich würde beide Wege gehen, sowohl über das Impfzentrum als auch den eigenen Hausarzt. Beide sind natürlich eingeschränkt durch die noch mangelnden Mengen an Impfstoff. Das wird besser werden, zwar nicht auf einmal mehrere Hundert Mio. Dosen, aber es gibt laufend neuen Impfstoff. Sich zu registrieren im Impfzentrum würde ich unbedingt machen, damit man einfach dort schonmal gelistet ist. Und dann kann man die niedergelassenen Ärzte ansprechen, die auch alle Impfstoff beziehen können. Man kann sich dort alle Informationen holen und sich ebenfalls auf eine Warteliste setzen lassen. Auch in meiner Praxis kann man jederzeit anrufen und einen Impftermin ausmachen.

 

Hier geht's zur Registrierung im bayrischen Impfzentrum!

Womit sind Sie geimpft?

Ich gehöre in diese experimentelle Gruppe von 2,5 Mio. Geimpften, die als erste Impfung AstraZeneca bekommen hat, weil man da noch gar nicht wusste, dass das Probleme machen könnte bei Frauen. Die zweite Impfung war dann mit BioNTech/Pfizer. Formal gesehen ist ein Mix an Impfstoffen für das Immunsystem überhaupt kein Problem, weil dieses nach der ersten Impfung getriggert ist auf das Spike-Protein des SARS-CoV-2 und infolgedessen Antikörper aufbaut. Die zweite Impfung macht letztendlich genau das gleiche nur über einen anderen Mechanismus. Das Immunsystem wird einfach nochmal geboostert, also aufgefrischt, erinnert und gestärkt.

"Wir erleben eine Pandemie. Es betrifft die gesamte Welt!"

Welcher Impfstoff ist, weltweit gesehen, besonders wichtig?

Im Juni haben wir mit Johnson&Johnson einen neuen Impfstoff bekommen, der nur ein einziges Mal geimpft werden muss. Es ist einerseits natürlich bequemer, nur einmal in eine Arztpraxis oder in ein Impfzentrum zu kommen, aber vor allem ist dieser Impfstoff ganz besonders interessant für den globalen Süden. Dort ist es tropisch warm und Impfstoffe wie die mRNA-Impfstoffe müssen bei -70°C tiefgefroren werden. Wird er dann aufgetaut, ist er nur eine ganz kurze Zeitspanne haltbar und dementsprechend verimpfbar. Das ist in den Tropen und in Wüstenstaaten, wenn überhaupt, nur mit einem extremen Aufwand umsetzbar. Außerdem gibt es die Problematik, dass, wenn Sie zum Beispiel indigene Völker impfen wollen, die irgendwo weit draußen in der Natur leben, diese nicht zweimal zu einem ganz bestimmten Termin zu einer Impfung kommen werden, um das Impfintervall einzuhalten. Also war es extrem wichtig, Impfstoffe zu entwickeln, die man nur ein einziges Mal verabreichen muss und die man bei Kühlschranktemperatur mehrere Monate lagern kann. Dieser Impfstoff kann dann mit kleinen Drohnen in entlegene Dörfer geflogen werden. Das hat man so in Afrika gemacht und so in einer Kühlbox 100 oder 200 Impfdosen liefern und verimpfen können. Das wird die Strategie für den globalen Süden sein und das ist sehr erfreulich und andererseits absolut gegensätzlich dazu, dass wir bei uns das Luxusproblem haben, dass Menschen sich überlegen, ob sie sich impfen lassen wollen oder nicht. In anderen Ländern der Welt stellt sich diese Thematik so nicht. Dort gibt es entweder überhaupt keine Impfstoffe oder nur sehr, sehr wenige. Es wurden nur 54 Mio. Impfdosen auf die Länder des globalen Südens verteilt, das müssen Sie sich mal vorstellen. Bei einer Weltbevölkerung von wie vielen Milliarden? Das ist nichts! Wir erleben eine Pandemie. Es betrifft die gesamte Welt!

Denken Sie, wir müssen da global mehr zusammenhalten?

Das war ja auch der Grundgedanke der EU. Da wird ja leider viel geschimpft, dass sie nicht in der Lage gewesen wären, genug Impfstoff zu bestellen. Aber die Idee der EU war eigentlich eine ganz großartige, nämlich die, dass für alle gemeinsam Impfstoff bestellt wird und eben nicht für die reichsten Länder alleine. Natürlich hätte Deutschland sich isoliert eine riesige Menge an Impfstoff sichern können, aber das ist einfach nicht solidarisch. Dass es andere Probleme gab, ist schade. Aber die Grundidee, in der EU für alle Länder zur gleichen Zeit  Impfstoff zur Verfügung zu stellen, ist ein sehr solidarischer Gedanke.. Und die Idee, die die WHO schon die ganze Zeit über verfolgt, ist eben, Impfstoff in den globalen Süden zu bringen und dort auch die Impfstoffherstellung zu ermöglichen. Aus meiner Sicht ist das ein sehr humanistischer Ansatz. Indien zum Beispiel stellt viel Impfstoff her, hat aber leider bisher alles exportiert und kann die eigene Bevölkerung nicht impfen, das ist sehr tragisch. Gerade diese Virusvektorimpfstoffe sind nicht schwer herzustellen, sagen die Impfstoffforscher. Das ist auch ein sehr schöner Ausblick, dass man in Zukunft beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent eine Struktur aufbauen kann, in der die Länder selbst ihren Impfstoff herstellen. Dafür müssten natürlich die Patentrechte aufgehoben werden – ein Riesenthema. Die Herstellungsrezepte müssten einfach ganz schnell rausgegeben werden, damit in den Ländern des globalen Südens zeitnah große Mengen Impfstoff hergestellt werden können. Ich denke, die Pharmafirmen können in Europa und den USA genug Geld verdienen.

"Gesundheit geht vor!"

Frau Dr. med. Irene Schulze-Strein hat ihr Studium der Humanmedizin an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg abgeschlossen und daraufhin im Schwerpunkt Neurobiochemie bei Demenzerkrankungen promoviert. Nach Studienaufenthalten unter anderem in Birmingham, Newcastle, Port Elizabeth und Wien hat sie sich 2005 mit ihrer eigenen Praxis in Stephanskirchen niedergelassen und ist dort als Internistin tätig.

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