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Auf dem Foto sieht man eine Straße im Winter. Es liegt sehr hoch Schnee und im Hintergrund sieht man die Berge. Die Farben sind Blautöne von fast weiß bis zu fast schwarz.

Sonntag | Foto: Lena

Thema
Kultur
Redakteur | In
Lena W.
Veröffentlicht
22.11.2019

Sonntag
-

 

Ein Poetry-Slam

 

 

Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch.

 

 Lüge.


Und wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, antworte ich gleich mit: „gut, und dir?“, ich will ja nicht unhöflich sein.


 Wieder eine Lüge.


Letztens hat mir eine Freundin erzählt, dass es ihr zurzeit nicht so gut geht, aber ich habe nicht näher nachgefragt, weil ich sie nicht unter Druck setzten wollte.


 Lüge, nochmal.


Und ich versuche immer, allen zu helfen und es allen recht zu machen, so gut es eben geht.


 Genau, du lügst.


Wenn ich mich in 3 Worten beschreiben müsste, würde ich sagen: „ich bin Lena“.

 
 Du hättest wohl eher „ich lüge gerade“ sagen sollen.

 Hast du etwa unser Versprechen vergessen? Ja, es war ein kalter Wintertag, da am Flussufer. Und du hast es mir versprochen, nie wieder zu lügen. Am schlimmsten ist, dass du dich selbst
 anlügst, obwohl du das Lügen doch so sehr verabscheust: Nur weil du deine Freunde und deine Familie nicht mehr anlügst, heißt das nicht, dass du dich selbst anlügen darfst!

 

Du bist auch nur ein Mensch. Lena.

 

 Du denkst zwar, du hilfst allen so wenig, aber das stimmt nicht. Du machst einen verdammt guten Job. Nur dir selbst hilfst du nie. Du würdest für jeden anderen Menschen ins Feuer springen,
 um sein Leben zu retten, nur nicht für dich selbst. Weil du so selbstlos bist, dass es gar kein „selbst“ mehr gibt. Du bist nur noch „lose“. Lose treibst du allein im eiskalten Wasser des Flusses,
 nachdem du für die ganze Menschheit hineingesprungen bist, nur um sie zu retten. Und auch das ist eine Lüge. Du springst, weil du „gehen“ wolltest und nimmst diese angebliche „Rettung“
 nur als deine Ausrede. Du versuchst die Welt vor dir selbst zu retten, weil du denkst, du zerstörst sie. Aber das stimmt nicht Lena. Diese Welt, die du so wunderschön findest.

 Du selbst hast so eine riesige Welt in deinem Kopf. Deine grenzenlose Phantasie, dein großes Herz, die unendlichen Weiten deiner Psyche. Und ich weiß, du sperrst sie in einem Käfig ein, ganz
 hinten in einer dunklen Ecke. Und du klebst ihr den Mund zu, um ihre Schreie nicht zu hören. Und du fesselst sie, aber sie befreit sich doch jedes Mal. Ihre Gedanken-Schreie bohren sich
 trotzdem in deinen Kopf.

 

 Aber du schweigst.

Sitzt ganz still da.

Und lügst.

 

 Und das schon bei der einfachen Frage, wie es dir geht. Aber was heißt einfach? Einfach war es nie und auch deine Antwort ist nicht einfach. Lügen sind nie einfach. Denn du lachst jeden Tag,
 findest alles so lustig. Und trotzdem sitzt du abends alleine da und versuchst zu weinen. Und du kannst es nicht glauben, dass keine Tränen kommen, obwohl in dir so viel Trauer ist. Und falls
 dann doch mal was passiert und deine Augen nasser werden, holst du gleich dein Handy raus, um ein Foto davon zu machen, weil du nicht weißt du aussiehst, wenn du traurig bist.
Wie bei
 einer Tier-Doku nimmst du alles auf, um sicher zu gehen, dass du auch wirklich „traurig“ bist. Weil du Angst hast, dass es keine Trauer ist, sondern wieder diese endlose Leere, in der du
 schwimmst seitdem du in den kalten Fluss gesprungen bist. Aber nein Lena, lass mich dir deine verweinten Augen öffnen! Der Fluss ist nicht die Kälte, die du spürst.

 

 

Der Fluss ist nicht der Feind. Sondern du.

 Denn ob du‘s mir glaubst oder nicht, damals bist du gegangen. Auch wenn du denkst, du bist noch hier. Das stimmt nicht. In dem Moment, als du abgesprungen bist, hast du diese Welt
 verlassen. Und jetzt bist du im Nichts. Jetzt weißt du wie sich das Jenseits anfühlt. Kalt. Denn nicht der Fluss ist kalt, sondern du. Weil dein Herz aufgehört hat zu schlagen.

Du bist dein eigener Feind, Lena. Und das weißt du.

 Bei jedem Blick in den Spiegel. Jedes Mal, wenn du dich angewidert umdrehst und wegschaust. Jedes Mal, wenn du aufs Essen verzichtest, weil es von dir ja eh schon viel zu viel gibt.
 Jedes Mal, wenn du dir sagst „ich kann das nicht“, obwohl du eigentlich weißt, dass du die Beste darin bist. Aber du sagst nichts. Wie auch, ohne Puls spricht es sich wohl schlecht.

In all diesen Momenten, bist du dein eigener Feind.

 

 

 Jedes Mal stößt du dich selbst in den kalten Fluss und hoffst, dass du nicht mehr auftauchst. Denn, Lena, du bist nicht selbstkritisch oder pessimistisch. Nein, du hasst dich selbst. Obwohl du
 weißt, wie unnötig Hass ist. Doch das muss aufhören. Denn Hass zerstört alles. Alles Schöne auf dieser Welt. Auch dein Leben ist doch so schön. Und wenn du mal nicht mit deiner
 Selbstverachtung und deinem Selbsthass beschäftigt bist, erkennst du vielleicht, wie schön der Schnee an diesem Wintertag war. Und wie sehr du den Winter liebst.

 

 Vielleicht erkennst du ja dann, dass auch der Winter ein Teil von dem kalten Fluss ist. Und das, obwohl es bald wieder Sonntag ist.

 

 

Sonntag - (M)ein poetry slam

Diesen Poetry Slam habe ich im Mai 2019 geschrieben. Im Sommer hat er beim Bad Aiblinger Literaturwettbewerb gewonnen. Zweimal habe ich ihn vor Publikum vorgetragen.

 

Der Text beschreibt einen inneren Monolog zweier Stimmen in mir, die sich unterhalten. Die eine Stimme ist eher verängstigt, hat Selbstzweifel und versucht, immer ihr Bestes zu geben.

Die andere Stimme wird wütend und möchte etwas an diesem Verhalten ändern.

 

Ich bekomme oft zu hören "Lena, dein Text war ja so ehrlich" und genau deshalb ist dieser Text so wichtig: er zeigt mein innerstes Selbst und spricht nichts als die Wahrheit.

Ehrlichkeit ist mir sehr wichtig. Deshalb ist auch meine Kunst immer ehrlich.

Niemand sollte Angst vor der Wahrheit haben oder sich verstecken müssen. Deshalb spreche ich gerne solche "Tabu-Themen" an, weil ich eben finde, dass es gar keine "Tabu-Themen" gibt.